Guckkastenlied

Das Guckkastenlied vom großen Hecker

von Karl Christian Gottfried Nadler

 

Guckkasten-Lied
Das Guckkasten-Lied vom großen Hecker
  1. Seht, da steht der große Hecker, eine Feder auf dem Hut,
    Seht, da steht der Volkserwecker, lechzend nach Tyrannenblut!
    Wasserstiefel, dicke Sohlen, Säbel trägt er und Pistolen,
    Und zum Peter sagt er: ,,Peter sei du Statthalter!“
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  2. ,,Peter„, sprach er, ,,du regiere Constanz und den Bodensee,
    Ich zieh′ aus und commandire unsre tapfre Armee;
    Mit Pollacken und Franzosen wird der Herwegh zu mir stoßen,
    Und der stirbt lebendig eh′r, bis daß er ein Hundsfott wär“
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  3. Pflästerer und Schieferdecker, alles niedrig und hoch,
    Alles jauchzte unserm Hecker, bis er aus zum Kampfe zog.
    Handwerksburschen, Literaten, Tailleurs, Bauern, Advokaten,
    Alles folgte rasch dem Zug, als er seine Trommel schlug.
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  4. Rumbidibum, so hört man′s schlagen, Rumbidibum Dumdumdumbum;
    Und bei Straf ließ Weißhaar sagen rings im ganzen Land herum:
    ,,Thut euch schnell zusammenraffen, gebt mir Mannschaft, Pferde, Waffen,
    Oder ich bring Alles um; Rumbidibum Dumdumdumbum.“
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  5. Und die reizende Frau Struwel warb mit ihrem Flammenblick
    Tausend Mann in diesem Trouble für die deutsche Republik;
    Gelder fand man in den Kassen, die man sich that öffnen lassen;
    Wein bracht man aus jedem Haus für die Republik heraus.
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  6. Durch die Baar that man jetzt wandern, und hernach ins Wiesental,
    Und daselbst stieß man bei Kandern auf Soldaten ohne Zahl,
    Edler Gagern, wackre Hessen, wollt ihr euch mit Hecker messen?
    Gagern, du kommst nicht zurück, Vivat hoch die Republik!
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  7. Gagern wollt parlamentieren, doch das ist nicht Heckers Arth;
    ,,Ich“, sprach er, ,,soll retiriren, ich mit meinem roten Bart!?“-
    Ach! nun hört man Schüsse knallen, General Gagern sah man fallen –
    Und der tapfre Hinkeldey saß zu Pferde auch dabei.
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  8. Hecker wollt nicht länger bleiben, ,,Rechtsumkehrt euch!“ donnert er,
    Und zur Eile ließ er treiben, denn es stürmte gar zu sehr.
    Die Musik ließ er erklingen und sein Korps fing an zu singen:
    ,,Hecker ist ein großer Mann, der für Freiheit sterben kann.“
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  9. Und als Gagern war gefallen, fing man leider auf dem Rhein,
    Zur Bekümmerniß uns allen, unsern edlen Struwel ein;
    Man that ihn in Eisen legen, aber von des Heckers wegen
    Ließ der Oberamtmann Schey den Gefang′nen wieder frei.
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  10. Kaiser, Weißhaar, Struwel, Peter, alle trieb man allbereits
    Gleichsam als wie Uebeltäter in die schöne freie Schweiz.
    Doch der Peter, der kam wieder, legt die Statthalterschaft nieder,
    ,,Denn“, sprach er, ,,ich werde alt, und verlier′ sonst mein Gehalt.“
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  11. Hecker, sag, wo bist du Hecker? legst die Hände in den Schooß?
    Auf nun, du Tyrannenschrecker, jetzt geht es auf Freiburg los.
    Badner, Hessen und Nassauer stehen dorten auf der Lauer.
    Doch wir kommen schon hinein, denn neutral will Freiburg sein.
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  12. All die schönen Stadtkanonen, großer Hecker, sie sind dein;
    Und man ladet blaue Bohnen nebst Kartätschen schnell hinein.
    Langsdorf will recognosciren, läßt sich auf den Münster führen,
    und guckt durch ein Perspektiv, ob es gut geht oder schief.
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  13. Oben her vom Güntersthale, hinter Wald und Hecken vor,
    Kam im Sturm mit einem Male, Siegels wildes, tapfres Corps.
    Aber unsre Hessenschützen ließen ihre Büchsen blitzen,
    Und das Corps zog sich zurück, aus war′s mit der Republik.
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  14. Denn hinein zu allen Thoren stürmte jetzt das Militär,
    Und die Freischar war verloren trotz der tapfren Gegenwehr;
    Alle, die sich blicken ließen, that das Militär erschießen;
    Alle Führer gingen durch, und erobert war Freiburg.
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  15. Hecker stampfte auf den Boden, da ihm als dem Commandeur
    Reitende expresse Boten brachten diese Schreckensmähr;
    ,,Wo sind“, rief er, ,,die Reserven? laßt sie ihre Sensen schärfen!“ –
    Sprachs und blies in vollem Zorn in sein großes Messinghorn.
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  16. Doch nun kamen Herwegh′s Schaaren, er und seine Frau kam nach,
    Kamen in der Chais gefahren auf dem Weg nach Dossenbach.
    Doch zu ihrem großen Ärger sah man dort die Würtemberger;
    Miller, dieser große Schwab, kam von einem Berg herab.
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  17. Heckers Geist und Schimmelpfennig machten da den Schwaben warm:
    Herwegh sah′s, er fuhr einspännig, und es fuhr ihm in den Darm.
    Unter seinem Spritzenleder fercht′ er sich vorm Donnerwetter;
    Heiß fiel es dem Herwegh bei, das der Hinweg besser sei.
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  18. ,,Ach, Madamchen“, that er sagen, ,,aus ist′s mit der Republik!
    Soll ich Narr mein Leben wagen? Nein! für jetzt nur schnell zurück!
    Laß für meinen Kopf uns sorgen, komm ich heut nicht, komm ich morgen;
    Ach, wie kneipt′s mich in den Leib, wende um, mein liebes Weib!“
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  19. Und Madam hieß ihn verkriechen sich in ihren treuen Schooß,
    Denn er konnt kein Pulver riechen, und es ging erschrecklich los;
    Schimmelpfennig war erstochen, manche Sense ward zerbrochen,
    Und erschossen mancher Mann, die ich nicht all nennen kann.
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  20. Hecker ging jetzt in die Fremde und empfand den tiefsten Schmerz;
    Denn in seinem Blousenhemde schlägt ein großes, deutsches Herz.
    Mußt er diesmal auch entspringen, wird man dennoch von ihm singen:
    ,,Hecker ist ein großer Mann, der für Freiheit sterben kann.“
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  21. Aber `s hat so kommen müssen, denn Jesaia der Prophet
    Hat darauf schon hingewiesen, weil allda geschrieben steht:
    Disteln tragen eure Äcker – jed Kameel hat seinen Hecker.“
    Folgt mithin aus dieser Red, daß es durcheinander geht.
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  22. Also ist′s in Baden gangen: was nicht fiel und nicht entfloh,
    Ward vom Militär gefangen, liegt zu Bruchsal auf dem Stroh –
    Ich, ein Spielmann bei den Hessen, der kann Baden nicht vergessen,
    Der den Feldzug mitgemacht, habe dieses Lied erdacht.


In einem späteren Druck unter dem Titel „Ein neues Lied vom Hecker“ wurden die Strophen 5, 8 15, 20, 21 eingefügt.

Friedrich Hecker (1811-1881) Hecker führt einen Zug Freischärler von Konstanz über Donaueschingen ins Rheintal, Ziel ist Karlsruhe. Bei Kandern wird der Zug militärisch zerschlagen

Josef Ignaz Peter war ein Freund Heckers, der Regierungsvertreter im badischen Seekreis war und von Hecker zum republikanischen Statthalter ernannt wurde.

Georg Herwegh, Dichter und politischer Sprecher der ,,Demokraten“

Emma Herwegh, geb. Siegmund (1817- 1904), sie heiratete im Jahr 1842 Georg Herwegh und zog mit in die Revolution.

Josef Weißhaar(1814-1870) , ein Wirt aus Lottstetten, im Volksmund Dragonermetzger genannt, der als charismatischer Redner in der Bevölkerung Kampfeswillige für die republikanische Seite anwarb. Ihm gelang es, die ursprünglich nur etwa 50 Mann starke Freischärlertruppe durch Werbung auf stolze 1300 Mann aufzustocken.

General Friedrich von Gagern General in holländischen Diensten, der nach seiner deutschen Heimat zurückberufen wurde. Er war der Oberbefehlshaber der Bundestruppen, die aus einem hessischen und zwei badischen Bataillonen bestanden. Bei der Schlacht von Kandern am 20. April 1848 fiel Friedrich von Gagern im Gefecht. Sein Nachfolger wurde Oberst Hinkeldey.

Oberst Hinkeldey (1793–1852). wurde der Nachfolger von General Friedrich von Gagern nach dessen Tod beim gefecht auf der Scheideck

Tafel Am Gasthaus zur Krone in Wehr

Gustav von Struve (1805–1890): Rechtsanwalt in Mannheim bereitete gemeinsam mit Friedrich Hecker den Aufstand vor. Nach der Niederlage von Kandern wurde Gustav Struve beim Versuch die Rheinbrücke bei Säckingen zu überqueren verhaftet. Daraufhin drohte Theodor Mögling in einem Brief dem Oberamtmann Schey, er werde mit 4000 Mann in die Stadt einrücken, wenn Struve nicht sofort freigelassen würde. Daraufhin konnte sich Struve in die Schweiz absetzen. Was Schey nicht wusste war, das die Truppen lediglich auf dem Papier existierten. Im Herbst 1848 startete Gustav Struve vom Schweizer Exil aus den zweiten Badischen Aufstand, nachdem er am 21. September mit rund 50 Mann in Lörrach eingezogen war. Gustav Struve ruft in Lörrach die Republik aus. Am Vormittag des 25. September 1848 wurden der Freiheitskämpfer und Revolutionär Gustav von Struve und seine Frau Amalie im Gasthaus Krone in Wehr vom damaligen Wirt des Gasthauses verraten und vom Wehrer Buergermeister verhaftet worden. Beide waren auf dem Weg in die Schweiz, nachdem am 24. September bei Staufen Struves Revolutionsheer von badischen und preußischen Truppen besiegt worden war.

Amalie Struve, geb. Düsar (1824- 1862). Sie heiratete 1845 Gustav Struve, und nahm an der Seite ihres Mannes am Heckerzug und am Aufstandsversuch Struves im September 1848 teil. Da sie gelegentlich Hosen trug wurde sie zur Zielscheibe des Spotts.

Johann Baptist Schey (1803–1886): Oberamtmann in Säckingen (1847–1849), hatte Struve in Kandern gefangen genommen.

Karl Kaiser (1817–?): städtischer Archivar in Konstanz und Schriftsteller; Führer der Heckerschen Nachhut bei der Schlacht in Kandern.

Langsdorf war Student und zog mit Hecker in Richtung Freiburg.

Georg Viktor von Langsdorff (1822–1921): Medizinstudent und Turner; Kommandant der Aufständischen in Freiburg, der die Stadt gegen die heranrückenden Bundestruppen verbarrikadieren ließ.

Franz Siegel (1824–1902): als ehemaliger badischer Leutnant Anführer einer Kolonne von Freischärlern und damit einer der wenigen Revolutionäre mit militärischer Kommandoerfahrung; Siegel wollte sich mit seinem eigenen Zug trotz der erfolgten Niederlage Heckers mit den Freischärlern in Freiburg zusammenschließen, was aber nicht gelang.

Moritz von Miller (1792–1866) war Generalleutnant einer württembergischen Bundestruppe, auf die Herwegh bei seinem Rückzug in die Schweiz bei Dossenbach stieß.

Reinhard von Schimmelpfennig (?–1848): war preußischer Offizier, der sich in den Dienst der Revolution stellte. Er fiel am 27. April 1848 in der Schlacht bei Dossenbach.

Baar, gehört zur Region Schwarzwald-Baar-Heuberg im Regierungsbezirk Freiburg und überdeckt das Gebiet zwischen Schwarzwald und Schwäbischer Alb.

Wiesental, Tal im Südschwarzwald das nach dem Fluss Wiese benannt ist. Die Wiese entspringt am Feldberg und mündet bei Basel in den Rhein.

Kartätschen sind Artilleriegeschosse aus gehacktem Blei, Kugeln oder Nägeln, die in eine Hülse gefüllt werden, die beim Schuß zerreißt und schreckliche Wunden verursacht. In der Waffentechnik bezeichnet man als Kartätsche (….von Kartusche) ein Artilleriegeschoss mit Schrotladung.

„Chaise“ (gesprochen: „schääs“) = ist eine leicht gebaute, zweisitzige Kutsche mit beweglichem halbem Verdeck.

Hundsfott: Feigling.

 

 

Hintergrund zu diesem Lied

Hecker konnte nach seiner Niederlage ins Exil entkommen, das ihn über die Schweiz und letztlich in die USA führte. Diese Niederlage nahm der Heidelberger Dichter Karl Christian Nadler zum Anlass für seine Spottballade „Guckkastenlied von großen Hecker“. Nadler war ein politischer Gegner Heckers in Frankfurt und nahm es wohl mit Genugtuung zur Kenntnis, daß der Heckerzug, und somit Heckers politische Laufbahn in Deutschland recht bald zerschlagen wurde.

Karl Christian Gottfried Nadler (Jurist und Pfälzer Mundartdichter)
* 19. August 1809 in Heidelberg;
† 26. August 1849 in Heidelberg;